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Wirtschaft in Afghanistan

Entwicklung der Volkswirtschaft im 20. Jahrhundert
Die ersten Manufakturbetriebe in Afghanistan entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts; Anstrengungen wurden unternommen, um Wirtschaft und Gesellschaft zu modernisieren, um v.a. einen verbesserten Transport zu gewährleisten, auch um Güter zu exportieren, und um größere Regierungseinkünfte durch ein neues Steuersystem zu generieren. Erst in den 1950er Jahren wurden dann moderne Industriebetriebe errichtet. Von deutscher Seite wurde unter anderem in die Textilindustrie und in Wasserkraftwerke investiert. Wichtige Handelspartner waren die Vereinigten Staaten bis Ende der 1970er Jahre, dann die Sowjetunion und später auch Iran und die Golfstaaten. Durch zwei Jahrzehnte Bürgerkrieg und das Taliban-Regime wurde das Land in seiner wirtschaftlichen Entwicklung völlig zurück geworfen.

Aktuelle wirtschaftliche Lage
Afghanistan wird von UNDP als sechstärmstes Land der Erde klassifiziert. 80% der Bevölkerung leben in Armut. Es gab weder Industrieproduktion noch ein funktionierendes Straßennetz bzw. Basisinfrastruktur wie Wasser- und Energieversorgung. Infolge des 23jährigen Bürgerkriegs waren Infrastruktur und Institutionen völlig zerstört. Anhaltende Gewaltbereitschaft von militanten Gruppen und Einzeltätern erschweren in Teilen des Landes den wirtschaftlichen Wiederaufbau; jedoch haben sich einige Regionen inzwischen stabilisiert. Allerdings gibt es starke regionale Unterschiede, die stark mit der Sicherheitslage zusammenhängen. Seit dem Sturz der Taliban vor sechs Jahren ist das Bruttosozialprodukt durchschnittlich jährlich um etwa 10% gestiegen. Makroökonomische Stabilität ist gegeben. Allerdings bleibt die afghanische Wirtschaft von umfangreichen Hilfsgeldern der internationalen Gemeinschaft abhängig. Diese finanziert praktisch alle investiven und ca. 40% der laufenden Staatsausgaben. Afghanistan bekennt sich mit seiner neuen Verfassung zu einem marktwirtschaftlichen System. Die afghanische Währungs- und Finanzpolitik ist insgesamt ausgewogen. Neue Wirtschaftsgesetze wurden verabschiedet und für die Wirtschaftsentwicklung wichtige Institutionen aufgebaut. Allerdings sind weitere wichtige Reformen notwendig, um die wirtschaftspolitischen Zielvorstellungen im Rahmen des Afghanistan Compact zu erreichen. Afghanistan qualifizierte sich aufgrund seiner Verschuldungsdaten für die Schuldenitiative des Pariser Clubs für die sog. „Heavily Indebted Poor Countries“ und schloss inzwischen mit mehreren Gläubigerstaaten bilaterale Umschuldungsabkommen (Deutschland erließ so 100% der erlassfähigen Schulden; die Unterzeichnung des Umschuldungsabkommens mit Rußland als größter Gläubiger Afghanistans aus der Zeit der sowjetischen Besatzung erfolgte im August 2007 mit einem Schuldenerlass von 90%).

Wirtschaftssektoren
Wirtschaftlich macht sich die internationale Unterstützung für Afghanistan vor allem bei Dienstleistungen und im Baugewerbe bemerkbar, das in den Städten stark expandiert.

Trotz rapider Urbanisierung leben noch rund 75% der Bevölkerung auf dem Land und direkt oder indirekt von der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft beschäftigt rund 67% der arbeitenden Bevölkerung (letzte erhältliche Zahlen von 2002/03), hat aber nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) im Haushaltsjahr 2005/06 nur noch 35% des Bruttosozialprodukts ausgemacht. Haupternährungsgetreide ist Weizen, der zumeist auf bewässerten Feldern im Winter gedeiht. Baumwolle war vor dem Bürgerkrieg das wichtigste Rohexportprodukt und Afghanistan hofft, an diese Tradition wieder anknüpfen zu können. Weiterhin werden Früchte, insbesondere Weintrauben und Melonen, angebaut und Trockenfrüchte produziert. Auch der Handel mit Häuten, Zellen und die Verarbeitung von Karakul-Lamm-Wolle bildeten früher ein Rückgrat des Exports. Die landwirtschaftliche Produktion ist seit dem Bürgerkrieg um mehr als die Hälfte zurückgegangen, ist jedoch derzeit ein starker Wachstumsbereich, wenn auch weiterhin sehr abhängig von den klimatischen Bedingungen.

Der Wiederaufbauprozess im Landwirtschaftssektor wird durch die Zerstörung der Bewässerungskanäle und die Existenz zahlreicher noch nicht explodierter Minen erschwert. Vermehrte Regenfälle und die geringe Verbesserung der Produktivität haben 2005 eine Rekordernte ergeben; die Produktivität bleibt allerdings weiterhin niedrig und schwankt von Jahr zu Jahr mit den Niederschlägen. Im Jahr 2006 war die Ernte aufgrund ausbleibender Niederschläge auch wesentlich schlechter und der IWF schätzt, dass die landwirtschaftliche Produktion gegenüber 2005 um rd. 8% zurückgegangen ist. Das BIP wuchs 2005/06 um geschätzte 14%. Handels- und Leistungsbilanz (ohne externe Zuschüsse) weisen starke Defizite auf, da praktisch alle Konsum- und Kapitalgüter derzeit aus dem Ausland (insbesondere den Anrainerstaaten) importiert werden, während Afghanistan selbst noch äußerst wenige eigene Produkte (insbesondere Trockenfrüchte und Teppiche) exportiert. Das Defizit wird jedoch durch die Finanzmittel der internationalen Gemeinschaft ausgeglichen. Der Dienstleistungssektor ist inzwischen mit einem Anteil von rd. 38% am BIP (2005/06) und hohen zweistelligen Wachstumsraten der stärkste Sektor der afghanischen Wirtschaft. Insbesondere die Bereiche Handel, Telekommunikation und Transport boomen.

Infrastruktur
Die industrielle Entwicklung ist nur rudimentär vorhanden und beschränkt sich meistens auf Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte. Die Straßen sind meistens in einem schlechten Zustand, jedoch haben erhebliche Anstrengungen in den vergangenen Jahren zu einer wesentlichen Verbesserung zumindest der wichtigsten Verkehrswege und Überlandstraßen geführt. Die „Ringroad“, die rund um den Hindukush führt, soll demnächst komplett neu asphaltiert sein; bereits jetzt sind weite Teile in sehr gutem Zustand. Ebenso wird derzeit bzw. in den kommenden Jahren vorrangig die Rehabilitierung der Verbindungsstraßen zu wichtigen Grenzen (zum Beispiel zum Khyber-Pass oder nach Iran) vorangetrieben.

Die Stromversorgung bleibt weit hinter der Nachfrage zurück und ist unzuverlässig. Für den Norden des Landes und die Kabuler Region wird erst die derzeit unter anderem mit deutschen Mitteln gebaute Starkstromleitung aus Usbekistan und Tadschikistan frühestens Anfang 2008 Abhilfe verschaffen. In einigen Regionen, insbesondere Herat, aber auch Nordostafghanistan, konnte durch Stromimporte aus den Nachbarländern sowie eine Rehabilitierung der Netze eine gewisse Stabilisierung erreicht werden. Die mangelhafte Stromversorgung ist laut einer Studie des Internationalen Währungsfonds eines der größten Investitionshindernisse. Weiterhin ist der Zugang zu Land für ausländische Investoren verfassungsmäßig beschränkt. Dieses Problem soll jedoch in den kommenden Jahren – durch langjährige Leasingverträge - gelöst werden.

Die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung ist in weiten Landesteilen nicht gewährleistet. Deutschland und die Weltbank sanieren in den größeren Städten große Teile der maroden Trinkwasserinfrastruktur. Auf dem Land erfolgt die Versorgung – wenn überhaupt – ausschließlich per Handbrunnen. Als Problem stellt sich in zunehmenden Maß die Versorgung mit Frischwasser aus Oberflächengewässern oder Grundwasser dar. Der Grundwasserspiegel in Kabul ist in den vergangenen Jahrzehnten um mehrere Meter gesunken und eine Versorgung der gesamten Stadt ist mit den vorhandenen Ressourcen nur bei hohen Investitionen möglich.

(Quelle deutsches auswärtiges Amt)
 



    ausdrucken    per Email versenden    bearbeiten 26.08.2008
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